Was ist eine Teststrategie? Ein pragmatischer Leitfaden für Teams
Eine Teststrategie beginnt nicht mit einer Vorlage, sondern mit den richtigen Fragen. So entsteht ein gemeinsames Verständnis für Risiken, Qualität und Release-Entscheidungen.

Mit den richtigen Fragen zu einer pragmatischen Teststrategie
„Brauchen wir eigentlich eine Teststrategie?“
Diese Frage höre ich regelmäßig in Projekten.
Meistens folgt kurz darauf die nächste:
„Hast du vielleicht eine Vorlage?“
Ich muss dann immer schmunzeln. Nicht wegen der Frage selbst, sondern weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass der größte Mehrwert einer Teststrategie bereits in den Gesprächen während ihrer Entstehung liegt.
Eine gute Teststrategie beginnt aus meiner Sicht mit einem gemeinsamen Gespräch. Sie entsteht durch die richtigen Fragen – über Qualität, über Risiken und vor allem mit einer gemeinsamen Antwort auf eine entscheidende Frage:
„Was brauchen wir, damit wir unser nächstes Release mit gutem Gewissen vertreten können?“
Genau darum geht es in diesem Artikel.
Teststrategie oder Testkonzept?
In etablierten Standards wie dem ISTQB oder der ISO/IEC/IEEE 29119 finden sich unterschiedliche Ebenen der Testdokumentation – von unternehmensweiten Leitlinien bis hin zu projektbezogenen Testplänen. Die folgende Übersicht ordnet diese Ebenen ein.

Im Team Quality Radar betrachten wir das Thema bewusst aus der Perspektive eines einzelnen Teams.
Ob das Ergebnis später Teststrategie, Testkonzept oder einfach unsere Testvorgehensweise heißt, ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist, dass das Dokument dem Team hilft, bessere Entscheidungen zu treffen.
Wenn das gelingt, erfüllt es seinen Zweck.
Die erste Frage im Workshop
Wenn ich einen Workshop beginne, starte ich selten mit der Frage:
„Wie testet ihr?“
Ich frage stattdessen:
„Was braucht ihr, damit ihr das nächste Release mit gutem Gewissen vertreten könnt?“
Nach dieser Frage wird es meistens erst einmal ruhig. Dann beginnt die eigentliche Diskussion. Die Entwickler sprechen über technische Herausforderungen, der Product Owner denkt an den Geschäftswert, der Fachbereich bringt seine Erfahrungen aus dem Betrieb ein und die Tester ergänzen ihre Erkenntnisse aus vergangenen Releases.
Und plötzlich geht es um gemeinsame Verantwortung für das nächste Release.
Warum testen wir eigentlich?
Früher hätte ich wahrscheinlich geantwortet:
„Wir testen, um Fehler zu finden.“
Heute würde ich sagen:
Wir testen, um fundierte Entscheidungen treffen zu können.
Dazu müssen wir verstehen, welche Risiken mit einem Release verbunden sind. Wir machen transparent, was wir geprüft haben, und sprechen offen darüber, welche Bereiche wir bewusst anders priorisiert haben.
So entsteht die Grundlage für eine gemeinsame Entscheidung:
„Ja, dieses Release können wir verantworten.“
Genau aus dieser Transparenz entsteht Vertrauen.
So entsteht eine Teststrategie
An diesem Punkt werde ich häufig gefragt:
„Und wie entwickelt ihr daraus jetzt eine Teststrategie?“
Die Antwort ist überraschend einfach.
Wir beginnen mit einem Gespräch. Zunächst schaffen wir ein gemeinsames Verständnis darüber, was das Team für ein erfolgreiches Release benötigt. Anschließend sprechen wir über die Risiken, die diesem Ziel im Weg stehen.

Erst danach überlegen wir gemeinsam, welche Maßnahmen, Tests oder Qualitätssicherungsaktivitäten helfen, diese Risiken zu reduzieren.
Während dieser Gespräche entstehen bereits die wichtigsten Entscheidungen:
- Welche Bereiche sind besonders kritisch?
- Wo investieren wir bewusst mehr Zeit?
- Welche Risiken akzeptieren wir?
Am Ende halten wir genau diese Entscheidungen fest, damit das Team sie jederzeit nachvollziehen und bei Bedarf weiterentwickeln kann.
Welche Fragen sollte eine Teststrategie beantworten?
Aus meiner Erfahrung muss eine gute Teststrategie gar nicht besonders umfangreich sein. Sie sollte vor allem Antworten auf die Fragen geben, die sich das Team ohnehin gestellt hat.
- Warum testen wir überhaupt?
- Welche Risiken möchten wir reduzieren?
- Was testen wir?
- Wie schaffen wir Vertrauen in unsere Entscheidung?
- Wer übernimmt welche Verantwortung?
- Welche Informationen benötigen wir für eine fundierte Releaseentscheidung?
- Wo finden wir unsere Testfälle und Testergebnisse?
Für viele Teams reicht das bereits vollkommen aus.

Die Form ist zweitrangig
Immer wieder werde ich gefragt, wie eine Teststrategie aussehen sollte.
Meine Antwort lautet:
Es kommt darauf an.
Vielleicht ist es eine Confluence-Seite, ein Miro-Board oder einfach eine Seite im Projekt-Wiki.
Entscheidend ist, dass das Team die Inhalte versteht, regelmäßig darüber spricht und sie im Projektalltag nutzt.
Einfach anfangen
Bereits eine Stunde gemeinsamer Austausch kann ausreichen, um den Grundstein für Eure Teststrategie zu legen.
Beantwortet gemeinsam diese vier Fragen:
- Was brauchen wir, um unser nächstes Release mit gutem Gewissen vertreten zu können?
- Welche Risiken stehen diesem Ziel im Weg?
- Welche Maßnahmen helfen uns dabei?
- Welche Entscheidungen möchten wir gemeinsam festhalten?
Ich bin überzeugt:
Wenn Ihr diese Fragen gemeinsam beantwortet habt, ist ein großer Teil Eurer Teststrategie bereits entstanden.
Mein Fazit
Vielleicht ist die spannendste Frage gar nicht:
„Wie sieht eine gute Teststrategie aus?“
Sondern:
„Welche Gespräche muss unser Team führen, damit wir das nächste Release mit gutem Gewissen vertreten können?“
Wenn Ihr diese Gespräche führt, entsteht Eure Teststrategie fast von allein. Sie wird zu einer gemeinsamen Orientierung für Euer Team und unterstützt fundierte Entscheidungen im Projektalltag.
Eine gute Teststrategie schafft Vertrauen, weil sie die wichtigsten Entscheidungen eines Teams nachvollziehbar macht.
Themen
Was stärkt Euer Vertrauen?
Findet heraus, welche Themen Euer Team wirklich weiterbringen. Startet mit dem Team Quality Radar Quick Check und schafft die Grundlage für die nächsten sinnvollen Verbesserungen. Wenn Ihr nach dem Quick Check gemeinsam an den Ergebnissen arbeiten möchtet, begleite ich Euch gerne in einem Team Quality Radar Improvement Workshop. Aktuell biete ich diese Workshops kostenlos an.
Autoren

Quality Evangelist
cimt ag
Quality Evangelist mit Qualitätsfähnchen: Ich helfe Teams, Qualität von Anfang an bewusst zu gestalten – pragmatisch, menschlich und passend zum echten Problem.
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